Handschrift im Zeitalter der Fingermedien

15. August 2017 | Von | Kategorie: Verschiedenes

Handschrift, besonders auf einem Bildschirm, ist in den meisten Fällen eine ästhetische Entscheidung. … Aber ich glaube nicht, dass Handschrift je in die Nähe von 50 Prozent kommen wird.“

Phil Libin CEO von Evernote.

Im Mai 2015 ist unsere Tochter Nina im Kanton St. Gallen geboren. Und wenn das Leben Schweizerisch seinen Lauf nimmt, wird ihre Schulzeit nach den Sommerferien im August 2021 beginnen, wo sie mit Stift auf Papier schreiben lernen wird: Von Hand schreiben, so ähnlich wie auch einige Mönche rund um St. Gallus vor 1400 Jahren.

Schreiben mit dem Stift in einer Hand gilt als ein ganzheitlicher Prozess ­ hell erleuchtet ist die der Schreibhand gegenüberliegende Hirnhälfte im MRI. Schreiben schult die Vernunft und vertreibt die Ungeheuer. So zählt schreiben heute zu den vier Kulturtechniken, die jedes Kind in der Schule erlernen darf.

Nicht dass es entscheidend wäre, aber wir werden uns in den folgenden Jahren differenziert und weniger differenziert darüber streiten, ob unsere Kinder noch mit Stift auf Papier schreiben lernen sollen. Darüber streiten werden wir nicht mit Stift und Papier. Kein Intellektueller schreibt mehr mit spitzer Feder um die Welt zu retten. Wie ich, lebt der Grossteil der Berufstätigen im Zeitalter der Anschläge.

Das erinnert mich an McLuhan, der sagte ein Medium sei eine Erweiterung von uns selbst und als solches präge es auch unser Denken. Die eigentliche Botschaft sei das Medium und nicht so sehr dessen Inhalt, denn dieser sei geprägt durch die Form die durch das Medium vorgegeben ist.

Um also mit einem Stift eine Idee aus dem geistigen Raum auf Papier zu bringen, muss ich den Gedanken zuspitzen. Gekonnt ­ an der Zunge vorbei ­ durch den Arm in die Hand channeln und über die Spitze auf den Punkt bringen. Ein einziger Kontaktpunkt um die weite Gedankenwelt des Kosmos aufs Weisse zu bringen … welch eine Herausforderung. Wie viel einfacher wäre ein Gedankenblitz durch Belichtung festzuhalten. Stattdessen halten wir mit festem opponierbarem Daumen ­ eine evolutionäre Errungenschaft der Menschenaffen ­eine tintengefüllte kratzende Metallfeder, ein graphitisches Hölzchen oder ein Plastikstab mit rollender Kugel um eine visuelle Spur zu hinterlassen.

Noch fällt es uns schwer das Kritzel­-Ästchen los zu lassen, mehr als 1000 Jahr haben wir uns daran festgehalten. Noch wissen wir nicht so genau wie wir in Zukunft Gedanken verdauen wollen ohne am Stift zu kauen.

Die Generation whY entdeckte, dass der frei bewegbare Daumen sich auch eignet um mit Affengeschwindigkeit zu texten ­ das Handy in der Handfläche eingespannt. Die af 160 Zchngkrztn, durch die erleichterte Tasteneingabe autovervollständigten und in Opposition gedäumelten Nachrichten verlangten vom Empfänger eine hohe Fehler­ und
Interpretationstoleranz. Ein kurzer Spuck. Fast zeitgleich mit dem SMS ­Erfinder, stirbt auch diese gerade erst neu erworbene Kompetenz des “Texten mit 9 Tasten”. Zu teuer waren dievneun Tasten in der Produktion. Ungeklärt bleibt wohl ob T9 für die Generation Y eine lokale Identitätskrise zur Folge hat, weil T9 Schweizerdeutsch partout nicht akzeptieren wollte.

T9 ist also Geschichte, heute wischen wir digital (d.h. mit dem Finger) auf Gorillaglas. Zu gross ist mittlerweile die Bildschirmdiagonale damit der Daumen alle Ecken erreicht. Der Daumen muss nun seine Opposition aufgeben, denn er wird benötigt um das Gerät ja nicht loszulassen. Der dimensionslose Raum hinter der Glasoberfläche ist “inspiriert durch die materielle Realität von Papier und Tinte, nur fortgeschrittener ­ offen für Fantasie und Magie”­ schreibt Google. Noch fordert die Rekonstruktion der autokorrigierten Texte jeden Affen in uns. Doch mit Deep­ Learning in der Cloud lernen die smarten Geräte, was wir beim Wischen eigentlich schreiben wollten. Wo heute noch das nächste Wort vorgeschlagen wird, wissen neuronale Netze in den Forschungslabors bereits welches mit grosser Wahrscheinlichkeit der nächste Satz ist und unterstützen uns dabei, dass wir auch ja den passenden Tontreffen. Die zu Beginn glasklaren Gedanken spiegeln sich nach all dem swiften Wischen als Zeichen hinter einer verschmierten Oberfläche.

Wo die Einen beim Wischen mit dem Finger auf Glas einen Rückschritt ins Magische wittern­ wer erinnert sich nicht ans Fingerfarben malen ­, sehen Andere das digitale Schreiben mit dem Finger als ein Fortschritt ins Postformale.

Diejenigen die ­ natürlich aus ästhetischen Gründen ­ nicht vom Stift lassen können, greifen bei Galaxus auf die teureren Galaxy Geräte mit induktivem Stift. Sie induzieren den Textlieber als ihn zu wischen, fast so wie in alten Zeiten, nur fortgeschrittener. So schreiben wir also heute mit der Hand.

Letzte Woche jedoch sprach ­- noch verstohlen ­- der Erste mit seiner Uhr. Ob dies wie Vilém Flusser fragte „Das Ende der Schrift“ ist? Für die Schule wohl kaum, denn welch eine Unruhe entstünde, wenn 26 SchülerInnen auf 72m​2 ​ mit ihrer Smartwatch sprechen würden.So garantieren die Schulzimmerstandards für weiter 100 Jahre die Erhaltung der Schrift in der Schule ­ es sei denn die Kameras der Uhren lernen Lippenlesen. Vorsichtshalber haben die ersten Schulen deshalb schon mal damit begonnen auch die Uhren aus dem Unterricht zu verbannen.

Die Smartwatch ist nicht das Ende der Geschichte. Die Geräte werden weiter schrumpfen.Sobald die Screens in den Brillen und Kontaktlinsen verschwinden, werden wir möglicherweise mit Mikrobewegungen des Zeigefingers auf der Oberfläche des Daumennagel schreiben. Es heisst dann vielleicht: “Ich nagle dir noch nach der Schule”.

Und falls uns nicht die Milliarden Worte aus algorithmischer Hand ­- sei es aus Watsons oder Wordsmiths Feder -­ verstummen lassen, werden Neuro­-Schnittstelle die Hirnsignale unserer geistigen Hände Texte in den virtuellen Raum feuern.

Mögen die Kinder von morgen sich je nach Trend&Clan einer der vielen digitalen Handschriften verschreiben, sei es
mit dem Daumen auf neun Tasten tippen ­- die Retros,
mit dem Finger auf Glas wischen ­- die Selfies,
mit dem Stift aufs Tablet induzieren ­- die Ästheten,
mit dem Finger über den Daumen nageln ­- die Minimalmover oder
mit den tausend Händen des Mitgefühls den Text über die Neuro-­Schnittstelle feuern -­ die Buddha­Nerds.
Die Hände bleiben im Spiel ­ in jedem Fall.Auch wenn Alphabet in der digitalen Welt eine neue Bedeutung hat, in der Schule bleibt die Schrift mit Stift und Papier ein fester Wert. Als gesellschaftliches Zeugnis, dass die Schulen es vermögen den Kindern „schwierig zu Lernendes“ zu vermitteln. Gott sei Dank.

Der obige Text wurde publiziert im Jahresbericht 2015/16 der Kantonsschule Hohe Promenade (S. 95)(PDF) zum Thema Handschriften. Autor: Marc Pilloud

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