{"id":822,"date":"2017-08-15T16:37:07","date_gmt":"2017-08-15T15:37:07","guid":{"rendered":"https:\/\/nextmeme.ch\/digital\/?p=822"},"modified":"2019-09-25T13:39:32","modified_gmt":"2019-09-25T12:39:32","slug":"handschrift-im-zeitalter-der-fingermedien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nextmeme.ch\/digital\/handschrift-im-zeitalter-der-fingermedien\/","title":{"rendered":"Handschriften im Zeitalter der Fingermedien"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Handschrift, besonders auf einem Bildschirm, ist in den meisten F\u00e4llen eine \u00e4sthetische Entscheidung. &#8230; Aber ich glaube nicht, dass Handschrift je in die N\u00e4he von 50 Prozent kommen wird.&#8220;<\/p>\n<p align=\"right\">Phil Libin CEO von Evernote.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Im Mai 2015 ist unsere Tochter Nina im Kanton St. Gallen geboren. Und wenn das Leben Schweizerisch seinen Lauf nimmt, wird ihre Schulzeit nach den Sommerferien im August 2021 beginnen, wo sie mit Stift auf Papier schreiben lernen wird: Von Hand schreiben, so \u00e4hnlich wie auch einige M\u00f6nche rund um St. Gallus vor 1400 Jahren.<\/p>\n<p>Schreiben mit dem Stift in einer Hand gilt als ein ganzheitlicher Prozess \u00ad hell erleuchtet ist die der Schreibhand gegen\u00fcberliegende Hirnh\u00e4lfte im MRI. Schreiben schult die Vernunft und vertreibt die Ungeheuer. So z\u00e4hlt schreiben heute zu den vier Kulturtechniken, die jedes Kind in der Schule erlernen darf.<\/p>\n<p>Nicht dass es entscheidend w\u00e4re, aber wir werden uns in den folgenden Jahren differenziert und weniger differenziert dar\u00fcber streiten, ob unsere Kinder noch mit Stift auf Papier schreiben lernen sollen. Dar\u00fcber streiten werden wir nicht mit Stift und Papier. Kein Intellektueller schreibt mehr mit spitzer Feder um die Welt zu retten. Wie ich, lebt der Grossteil der Berufst\u00e4tigen im Zeitalter der Anschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Das erinnert mich an McLuhan, der sagte ein Medium sei eine Erweiterung von uns selbst und als solches pr\u00e4ge es auch unser Denken. Die eigentliche Botschaft sei das Medium und nicht so sehr dessen Inhalt, denn dieser sei gepr\u00e4gt durch die Form die durch das Medium vorgegeben ist.<\/p>\n<p>Um also mit einem Stift eine Idee aus dem geistigen Raum auf Papier zu bringen, muss ich den Gedanken zuspitzen. Gekonnt \u00ad an der Zunge vorbei \u00ad durch den Arm in die Hand channeln und \u00fcber die Spitze auf den Punkt bringen. Ein einziger Kontaktpunkt um die weite Gedankenwelt des Kosmos aufs Weisse zu bringen &#8230; welch eine Herausforderung. Wie viel einfacher w\u00e4re ein Gedankenblitz durch Belichtung festzuhalten. Stattdessen halten wir mit festem opponierbarem Daumen \u00ad eine evolution\u00e4re Errungenschaft der Menschenaffen \u00adeine tintengef\u00fcllte kratzende Metallfeder, ein graphitisches H\u00f6lzchen oder ein Plastikstab mit rollender Kugel um eine visuelle Spur zu hinterlassen.<\/p>\n<p>Noch f\u00e4llt es uns schwer das Kritzel\u00ad-\u00c4stchen los zu lassen, mehr als 1000 Jahr haben wir uns daran festgehalten. Noch wissen wir nicht so genau wie wir in Zukunft Gedanken verdauen wollen ohne am Stift zu kauen.<\/p>\n<p>Die Generation whY entdeckte, dass der frei bewegbare Daumen sich auch eignet um mit Affengeschwindigkeit zu texten \u00ad das Handy in der Handfl\u00e4che eingespannt. Die af 160 Zchngkrztn, durch die erleichterte Tasteneingabe autovervollst\u00e4ndigten und in Opposition ged\u00e4umelten Nachrichten verlangten vom Empf\u00e4nger eine hohe Fehler\u00ad und Interpretationstoleranz. Ein kurzer Spuck. Fast zeitgleich mit dem SMS \u00adErfinder, stirbt auch diese gerade erst neu erworbene Kompetenz des \u201cTexten mit 9 Tasten\u201d. Zu teuer waren die neun Tasten in der Produktion. Ungekl\u00e4rt bleibt wohl ob T9 f\u00fcr die Generation Y eine lokale Identit\u00e4tskrise zur Folge hat, weil T9 Schweizerdeutsch partout nicht akzeptieren wollte.<\/p>\n<p>T9 ist also Geschichte, heute wischen wir digital (d.h. mit dem Finger) auf Gorillaglas. Zu gross ist mittlerweile die Bildschirmdiagonale damit der Daumen alle Ecken erreicht. Der Daumen muss nun seine Opposition aufgeben, denn er wird ben\u00f6tigt um das Ger\u00e4t ja nicht loszulassen. Der dimensionslose Raum hinter der Glasoberfl\u00e4che ist \u201cinspiriert durch die materielle Realit\u00e4t von Papier und Tinte, nur fortgeschrittener \u00ad offen f\u00fcr Fantasie und Magie\u201d\u00ad schreibt Google. Noch fordert die Rekonstruktion der autokorrigierten Texte jeden Affen in uns. Doch mit Deep\u00ad Learning in der Cloud lernen die smarten Ger\u00e4te, was wir beim Wischen eigentlich schreiben wollten. Wo heute noch das n\u00e4chste Wort vorgeschlagen wird, wissen neuronale Netze in den Forschungslabors bereits welches mit grosser Wahrscheinlichkeit der n\u00e4chste Satz ist und unterst\u00fctzen uns dabei, dass wir auch ja den passenden Tontreffen. Die zu Beginn glasklaren Gedanken spiegeln sich nach all dem swiften Wischen als Zeichen hinter einer verschmierten Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Wo die Einen beim Wischen mit dem Finger auf Glas einen R\u00fcckschritt ins Magische wittern wer erinnert sich nicht ans Fingerfarben malen\u00ad, sehen Andere das digitale Schreiben mit dem Finger als ein Fortschritt ins Postformale.<\/p>\n<p>Diejenigen die \u00ad nat\u00fcrlich aus \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden \u00ad nicht vom Stift lassen k\u00f6nnen, greifen bei Galaxus auf die teureren Galaxy Ger\u00e4te mit induktivem Stift. Sie induzieren den Textlieber als ihn zu wischen, fast so wie in alten Zeiten, nur fortgeschrittener. So schreiben wir also heute mit der Hand.<\/p>\n<p>Letzte Woche jedoch sprach \u00ad- noch verstohlen \u00ad- der Erste mit seiner Uhr. Ob dies wie Vil\u00e9m Flusser fragte &#8222;Das Ende der Schrift&#8220; ist? F\u00fcr die Schule wohl kaum, denn welch eine Unruhe entst\u00fcnde, wenn 26 Sch\u00fclerInnen auf 72m\u200b2 \u200b mit ihrer Smartwatch sprechen w\u00fcrden.So garantieren die Schulzimmerstandards f\u00fcr weiter 100 Jahre die Erhaltung der Schrift in der Schule \u00ad es sei denn die Kameras der Uhren lernen Lippenlesen. Vorsichtshalber haben die ersten Schulen deshalb schon mal damit begonnen auch die Uhren aus dem Unterricht zu verbannen.<\/p>\n<p>Die Smartwatch ist nicht das Ende der Geschichte. Die Ger\u00e4te werden weiter schrumpfen.Sobald die Screens in den Brillen und Kontaktlinsen verschwinden, werden wir m\u00f6glicherweise mit Mikrobewegungen des Zeigefingers auf der Oberfl\u00e4che des Daumennagel schreiben. Es heisst dann vielleicht: \u201cIch nagle dir noch nach der Schule\u201d.<\/p>\n<p>Und falls uns nicht die Milliarden Worte aus algorithmischer Hand \u00ad- sei es aus Watsons oder Wordsmiths Feder -\u00ad verstummen lassen, werden Neuro\u00ad-Schnittstelle die Hirnsignale unserer geistigen H\u00e4nde Texte in den virtuellen Raum feuern.<\/p>\n<p>M\u00f6gen die Kinder von morgen sich je nach Trend&amp;Clan einer der vielen digitalen Handschriften verschreiben, sei es<br \/>\nmit dem Daumen auf neun Tasten tippen \u00ad- die Retros,<br \/>\nmit dem Finger auf Glas wischen \u00ad- die Selfies,<br \/>\nmit dem Stift aufs Tablet induzieren \u00ad- die \u00c4stheten,<br \/>\nmit dem Finger \u00fcber den Daumen nageln \u00ad- die Minimalmover oder<br \/>\nmit den tausend H\u00e4nden des Mitgef\u00fchls den Text \u00fcber die Neuro-\u00adSchnittstelle feuern -\u00ad die Buddha\u00adNerds.<br \/>\nDie H\u00e4nde bleiben im Spiel \u00ad in jedem Fall.Auch wenn Alphabet in der digitalen Welt eine neue Bedeutung hat, in der Schule bleibt die Schrift mit Stift und Papier ein fester Wert. Als gesellschaftliches Zeugnis, dass die Schulen es verm\u00f6gen den Kindern &#8222;schwierig zu Lernendes&#8220; zu vermitteln. Gott sei Dank.<\/p>\n<p>Der obige Text wurde publiziert im <a href=\"https:\/\/www.kshp.ch\/info\/fileadmin\/downloads\/public_website\/inhalte\/portrait\/Jahresbericht_KSHP\/Jahresbericht_KSHP_1415.pdf\">Jahresbericht 2015\/16 der Kantonsschule Hohe Promenade (S. 95)(PDF)<\/a> zum Thema Handschriften. Autor: Marc Pilloud<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Handschrift, besonders auf einem Bildschirm, ist in den meisten F\u00e4llen eine \u00e4sthetische Entscheidung. &#8230; Aber ich glaube nicht, dass Handschrift je in die N\u00e4he von 50 Prozent kommen wird.&#8220;<br \/>\nPhil Libin CEO von Evernote.<\/p>\n<p>Im Mai 2015 ist unsere Tochter Nina im Kanton St. Gallen geboren. 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